Jede Depression wird besser, sofern man sie überlebt †

Kathie und ihre bipolare Depression, Teil 2

Gastbeitrag von Kathie Teil 2 und ihre bipolare Depression (Teil 1)
h3. Manie und Depression, ein Wechselbad der Gefühle

Ich hatte Spielkameraden als Kind. Meist Jungs, da hatte ich mehr Spaß dran. Da wir in einer Bundeswehr-Siedlung wohnten, waren Umzüge an der Tagesordnung.

Bloß wir blieben. (Später erfuhr ich, dass mein Vater einem Vorgesetzten in den Hintern getreten hatte, als er besoffen war und deshalb Disziplinarverfahren, erhielt und sein Weiterkommen verhinderten).

Alle Spielkameraden verschwanden. Im Sandkistenalter hatte ich einen Freund, mit dem ich jeden Tag spielte. Dann hieß es, sie ziehen um. Ich war so drei, vier Jahre alt und wusste nicht, was das bedeutete. Dann war er weg. Ich fühlte mich einsam. Keiner für mich da, fing an, mit mir selbst zu reden, spielen, Fantasiewelt aufzubauen.
Es kamen andere Spielkameraden. Kaum hatte man sich angefreundet, waren sie wieder weg, umgezogen.

Meine beste Freundin hatte ich so mit 9 Jahren. Dann zog die Familie nach Belgien, als ich 10 war. Wieder allein. Ich ging zu meiner Mutter und sagte ihr, dass ich mich sehr einsam und schlecht fühlte. Sie lachte mich aus und sagte: “Erwachsene haben Probleme, du nicht!” Ich wusste, dass ich nie mehr mit meinen Gefühlen zu meiner Mutter gehen würde …

Mittlerweile stellte sich die Pubertät ein. Mit 10 1/2 bekam ich meine erste Periode und von Muttern eine Packung Binden in die Hand geklatscht mit der Aussage: “Wenn sie vollgesaut sind, schmeiße sie in den Ofen.” (Damals heizte man noch mit Kohle!) Na gut, dachte ich …, bloß dass der Mist sich TAGELANG hinzog, sagte mir kein Mensch. Da wusste ich endlich, dass ich “anders” bin, auf niemanden Verlass ist und die Welt die Hölle.

Positive Erlebnisse mit Katzen

Etwas positives gab es in meiner Kindheit. Etwas sehr Bedeutsames, etwas, dass es mich schaffen ließ Gefühle wie Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen kennen zu lernen und nicht seelisch zu verwahrlosen.

Eine Kater, Streuner, halbverhungert, kam in die Familie. Liebe auf den ersten Blick. Ich sah dieses Tier und wusste: DAS war etwas ganz Besonderes! Ein Wesen, das pure Liebe, Vertrauen und irgendetwas ausstrahlte, was ich aufsaugte, wie ein Verdurstender das Wasser.

Und alle in meiner Familie liebten und verwöhnten ihn, auch wenn er mal ins Bett pieselte, weil er noch nicht ganz stubenrein war. Ein Wunder!
Der Kater änderte nichts an der Familienstruktur, aber er war da und lehrte mich zu fühlen. Einfach so. Selbst mein cholerischer, besoffener Vater schmolz dahin, wie Butter in der Sonne bei dem Kater.

Leider lernte ich auch die Schattenseite des Fühlens kennen. Mit aller Macht überfielen mich die Grausamkeiten in meiner Umgebung und in der Welt. Ich lass sehr viel, und mit 11 Jahren las ich viel über Hitler, 2. Weltkrieg, Judenverfolgung, usw. Auch über andere Kriege und deren Wahnsinn, von Folter und Morden. Das alles machte mich sehr fassungslos, und ließ mich hilflos fragen, wieso, wieso, wieso …

MEIN HEUTIGES LEBEN

Komisch, ich kann mich nicht erinnern, jemals jung gewesen zu sein, ich fühlte mich immer “alt”.
Heute lebe ich mit meinem Mann und unseren gemeinsamen Kindern in einem schönem Haus, was wir uns vor einigen Jahren selbst gebaut haben. Mein Leben ist von Up and Downs geprägt, mal in sehr schnellem Wechsel, mal langsam. Schnell ist für mich: Wechsel von depressiver Phase zu manischen Phase innerhalb eines oder zwei Tagen. Das denn wochenlang oder monatelang oder auch nur ein paar Tage lang.

Termine kann ich (fast) nicht einhalten, da ich nie weiß, wie meine Stimmungslage dann aussieht und ich in der Lage bin mit Menschen Kontakt zu haben. In sehr schwierigen Phasen ziehe ich mich auch von meiner Familie so gut wie möglich zurück.

Mein Mann ist mit den Jahren an der Krankheit gewachsen und versteht das. die Kinder sind Gottseidank alt genug, so dass ich vernünftig, ohne ihnen Angst zu machen, über meine Erkrankung mit ihnen reden zu können. Als sie klein waren, ging das nicht, das hätte sie überfordert und auch krank gemacht, das war eine schwere Zeit …

Meine Medikamente, Therapie

Seit das Medikament Trevilor^®^ (Wirkstoffe Venlafaxin) auf den Markt kam, so ca. vor 15 Jahren, nehme ich es. In der Retard-Form. z. Zeit in der Dosis von 225 mg ret. tgl. morgens. Da ich auch Schildrüsenunterfunktion habe, L-Thyroxin 150mg 1 Tbl. tgl. morgens, dann noch ein Antiallergikum, weil ich Gräser- und Pollenallegie habe und noch diverse Kreuzallergien, so dass ich keine Nüsse und kein Steinobst essen kann. Abends nehme ich Omeprazol 20mg (wegen Säurerückfluß aufgrund Erweiterung der Öffnung zwischen Magen und Speiseröhre- kam von den Schwangerschaften), dann noch ein Bluttfettsenker (endogene Hypercholesterinämie) und Tabletten gegen Diabetes, der sich jetzt mit den Jahren eingeschlichen hat.

Von August 2006 bis März 2007 hatte ich eine unipolare Phase, kam und kam nicht aus dem Tief. Durch Zufall erfuhr ich von einem unkonventionellen, aber sehr professionellen Therapeuten. Denn ich hatte in der Vergangenheit schon etliche “ausprobiert”. Die konnte man alle in einen Sack stecken und draufhauen, man traf immer den Richtigen … Ich war skeptisch, noch so´n Idiot konnte ich nicht verkraften. Dann dachte ich mir, schlechter geht es nicht, also was habe ich zu verlieren und machte einen Termin aus. Er hat keine Kassenzulassung, also Zahlemann-und-Söhne. 80 Euro pro Stunde. In den Ballungsgebieten Deutschlands nehmen sie das Doppelte. Mein Mann war auch froh, dass ich etwas unternahm. Er weiß, wenn man mich drängt, mache ich das Gegenteil. Ich muss das ganz allein entscheiden dürfen. Sonst geht es in die Hose.

Was soll ich sagen: Der Therapeut konnte mir helfen! Nach vier Sitzungen, wobei die letzten drei nur eine halbe Stunde, also 40 Euro kosteten, fragte ich ihn, ob es nötig sei noch zu kommen, da ich eine deutliche Verbesserung spürte und mir zutraute wieder allein zurecht zu kommen. Er lachte und sagte: “Wenn Du das nicht selbst entscheiden kannst, wer dann?” Diese Reaktion fand ich toll.

Ich komme gut mit mir zurecht, ertrage die üblen Phasen, genieße die wenigen guten Tage und aus den anderen versuche ich das Beste draus zu machen.

Mein Familienleben ist eigentlich von Anfang an irgendwie auf meine Krankheit eingestellt. Wir leben relativ unkonventionell. Mein Mann ist “efrauzipiert” (emanzipiert) genug, dass er mich nicht überall mitschleifen muss, so berufliche Zwangsgeselligkeiten usw., ich habe zwei Menschen, die ich wage als Freunde zu bezeichnen, wobei der eine auch depressiv ist und wir ohne “Maske” miteinander umgehen. Wenn wir nicht in der Lage sind oder einfach kein Bock haben auf Kontakt dürfen wir uns das klar sagen, ohne zwischenmenschliche Komplikationen. Sonst Pflege ich keine Kontakte, außer per Internet. Meine Kinder sind recht selbstständig und ich sage ihnen klar, wenn ich nicht belastbar bin, damit kommen sie gut zurecht.

Ich arbeite autark in der Tierhilfe, so wie ich es halt kann. Normalberuflich geht schon lange nicht mehr.

Wir leben mit 13 Katzen zu Hause zusammen, sind alles Freigänger und Schmuser. Daneben versorge ich noch Streuner, denen es übel erging, versorge und verarzte sie, habe immer einen Elektro-Schocker in der Tasche, weil ich schon bedroht worden bin, aufgrund meiner Katzen-idealistischen Einstellung. Ich bin zufrieden mit meinem Leben, das war nicht immer so. Aber jetzt.

Ich habe eine gute Allgemeinärztin im Hintergrund, die engagiert ist und weiß, worauf es ankommt. Wir kommen gut zurecht. Besser als mit “Fachärzten”. Ich versuche immer so autark wie möglich zu bleiben.

In eine Psychiatrie gehe ich niemals, mein Vater starb in der “Geschlossenen”. Meine Schwester wurde ein paar mal Zwangs eingewiesen, kennt Ihr den Film mit Jack Nickolson in der Hauptrolle : “Einer flog über das Kukucksnest” ? So in etwa ging das bei meiner Schwester, bis auf die Lobotomie, das war da nicht mehr üblich und sonst versuche ich immer auf dem Laufendem über meine Erkrankung zu bleiben – mit Internet.

Gastbeitrag von Kathie, Teil 2

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