Jede Depression wird besser, sofern man sie überlebt †

Kathie und ihre bipolare Depression Teil 1

Gastautoren zum Thema Depression, bisher: Dennis, Marla, Sylvia.

Kathie ist manisch-depressiv und schreibt im ersten Teil über ihre Familie, Geschwister, Kindheit und Jugend.

Steckbrief von Kathie

Alter: 48 Jahre, weiblich
Familienstand: seit 1984 mit meinem Mann zusammen
Kinder: 1 Stiefsohn (26 Jahre lebt u. studiert in Berlin), 1 gemeinsamer Sohn (19 Jahre, Auszubildender), eine gemeinsame Tochter (18 Jahre, besucht das Gymn.)
Wohnort: Hoch im Norden, an der dänischen Grenze, Schlsw.-Holst.
Beruf: Früher Arzthelferin, MTA, jetzt seit 20 Jahren Hausfrau

Hallo, ich bin Kathie!

Ich bin bipolar depressiv, solange ich denken kann. Habe es bloß erst so mit 30 Jahren raus bekommen, dass ich eine Krankheit habe, die so heißt!

Meine Familie

Meine Kindheit war von Angst geprägt. Angst, ob mein Vater wieder besoffen nach Hause kommt von der Arbeit und alle terrorisiert, Angst wieder von meinen älteren Brüdern geschlagen und drangsaliert zu werden, Angst vor dem kalten Zorn meiner Mutter …

Meine Geschwister

Ich hatte vier ältere Geschwister, 1 Schwester, jetzt 57 Jahre alt, schwer bipolar-depressiv, schizophren, psychotische Schübe, schwerster Diabetes, geht seit ca. 15 Jahren nicht mehr aus dem Haus und raucht Kette zischen dem ins-Bett-legen und essen.

Mein ältester Bruder (11 Jahre älter als ich) war 20 Jahre lang schwerer Alkoholiker. Nach nur einem 6-wöchigen Entzug mit Therapie, hat er es mit unheimlicher Kraft geschafft, ohne Rückfall den Rest seines Lebens zu leben und zu arbeiten. Er war der Einzige in meiner Familie, mit dem ich mich verstand und der immer gut zu mir war. Obwohl er sonst alles und jeden zu Klump geschlagen hat im Suff. 25 Jahre war er trocken, dann starb er vor drei Jahren, an einem Herzinfarkt.

Er war mein bester und einziger Freund.

Meine beiden anderen Brüder (einer 7 Jahre älter, der andere 8 Jahre älter als ich) waren ziemliche Schlitzohren, einer groß und stark und dumm wie´n Sack Bohnen und der andere klein und gewieft und lenkte den »Großen«. Heute sind sie so kreuzbiederbrav, dass ich kotzen könnte … tun so als gäbe es keine Vergangenheit, in der sie mich bis auf´s Blut getritzt haben und mehrfach in Lebensgefahr brachten, aus reiner Freude am Quälen. Sie fabrizierten jede Scheiße, die man sich nur denken kann und die Polizei war zwei- bis dreimal die Woche bei uns zu Hause … Dazu noch eine Nazi scheiß braune politische Gesinnung und bei meinem kleinen (aber älteren) Bruder ein Symptom, dass man Logorrhö nennt und sadistische Züge.

Logorrhoe ist, wenn man redet und redet und redet, als ob Du nicht da bist und wenn man was sagt, geht er gar nicht darauf ein und führt seinen Monolog weiter. Das ist für ihn »ein Gespräch«! Er sagte einmal, vor Jahren zu mir:« Ich bin wohl der Einzige in der Familie, der normal ist!« Er kneift gern kleine Kinder und findet das lustig und fängt Tauben mit einer Mausequetschfalle, weil sie auf seine Terrasse scheißen …

Mein jüngster Bruder (der 7 Jahre älter ist als ich), ist Alkoholiker und Spieler (Poker). Wir wohnen hier ländlich, da kennt jeder jeden. Da er »eine gute Partie« geheiratet hat und, wie alle von uns, handwerklich begabt ist, hat er eine eigene Firma gegründet als Zimmerei. Das ging aber nur durch Beziehungen seiner Schwiegereltern, die zur »Grauen Eminenz« hier gehören seit Generationen (Logenbrüder und so, das gibt´s wirklich)! Denn er konnte die Anforderungen der Handwerkskammer gar nicht erfüllen …

Meine Mutter, mein Vater

Meine Mutter verstarb an Dickdarm-Krebs, als ich 19 war. Da ich nie etwas mit ihr anfangen konnte und sie nicht mit mir, außer mich zu quälen, war mir das egal.

Leider hatte ich zu der Zeit in dem Krankenhaus gearbeitet, wo sie behandelt wurde und »durfte« frisch vom Chefarzt die Informationen meiner Familie unterbreiten, dass meine Mutter bis zum Hals voll war mit Krebs-Metastasen und nix mehr zu machen blieb … Ein paar Monate später starb sie, zu Hause. Ihre letzten Worte vor dem Koma an mich gerichtet waren : »Du endest doch nur in der Gosse und bist zu nichts zu gebrauchen.« Dann war sie Tage später endlich tot.

Grund für meinen Vater zu saufen, bis nix mehr ging. Mein ältester Bruder und er hatten in der Zeit schwere Auseinandersetzungen mit Tätlichkeiten …

Die ganze Familien-Scheiße hatte mich unheimlich angekotzt. Auf´s Gymnasium durfte ich nicht- »was willste zwischen die Doktors Kinners!«, damaliger Kommentar meiner Mutter.

Meinen Wunsch-Beruf durfte ich nicht erlernen, weil die Ausbildung in der nächsten Großstadt war, 30km entfernt- »Kommt gar nicht in die Tüte!« damaliger Kommentar meiner Mutter …

Schule, Lehre, Suizidversuch und mein künstlerisches Interesse

Ich durfte knapp die Realschule besuchen, ein einziges mal hatte sich mein Vater durchgesetzt, meine anderen Geschwister sind alle runter geflogen, also würde es sich bei mir auch nicht lohnen, so meinte mein »Mütterchen«… (Empfehlung von allen Lehrern hatte ich für´s Gymnasium). Habe alles gut hinbekommen, aber ein Lob habe ich mein Leben lang nie von meinen Eltern gehört, nur Hohn und Nichtbeachtung. Ich war das »unsichtbare« Kind. Unerwünscht und überflüssig. Wurde mir oft genug gesagt von »Muttchen«.

Also habe ich mir irgendeine Lehre gesucht und alles klar gemacht. (Habe mich auch selbst eingeschult und ausgeschult, brauchte meine Eltern nur zum Unterschreiben.) Das war denen fast schon zuviel Arbeit. Egal, Hauptsache Geld verdienen und weg von zu Hause.

Übrigens, war ein Suizidversuch im Alter von 15 Jahren dazwischen, der vertuscht wurde von meiner Mutter und unserem Familiendoktor. (Was würden denn die Nachbarn denken). Ich schluckte Tabletten, spülte sie mit Whisky runter und alles an Tabletten, was ich fand in der Hausapotheke. Ich war drei Tage gelähmt, kam aber nicht ins Krankenhaus, nix Magen auspumpen, kriegte von meiner Mutter danach 20 Mark in die Hand gedrückt mit den Worten :»Kauf dir was Schönes!« und vom Hausarzt Kreislauftabletten.

Das Einzige, was mich interessierte, war die Malerei, alles künstlerische Gestalten und was damit zu tun hatte Mein Kunst-Lehrer riet mir, eine Mappe mit Arbeiten an die Mutesius-Schule für Kunst einzureichen. Ich hätte gute Aussichten auf ein Stipendium.

Die Lehre zog ich durch und wollte danach das machen, wo es mich mit aller Macht und Begeisterung hinzog, zur Kunst. Leider bekam ich kein Bafög damals. Mein Vater war Berufssoldat und verdiente ausreichend. Ich hätte ungefähr 100 Mark im Monat gebraucht um zurecht zu kommen. Meine Mutter lachte mich nur aus und meinte, wenn der Alte nicht alles versaufen würde …, aber auch dann würde ich nichts bekommen.

Mein Gefühlsleben war eine Berg-und Talfahrt

Bei all diesen Auszügen von Ereignissen in meinem Leben, waren meine Emotionen eine einzige Berg- und Talfahrt. Ich kannte es nicht anders und dachte, das wäre »normal«. In meiner Familie kam ich mir schon in frühester Kindheit vor wie ein Wesen unter Aliens, immer auf der Hut, um nicht gefressen zu werden. Alle waren mir fremd und unverständlich. Immer musste ich aufpassen, nicht »aufzufallen«, denn dann war die Hölle los … Mit 5 Jahren versuchte ich wegzulaufen und hatte einen Baum, mit dem ich sprach und mich verstanden fühlte. Abends trieb mich der Hunger wieder zurück, keiner fragte, wo ich war, war denen gar nicht aufgefallen?

Überhaupt wurde nicht geredet. Es wurde befohlen, gebrüllt, geschlagen, geknurrt, gehänselt. Türenschlagen, dass der Putz von den Wänden flog, nächtliche Zerstörungsorgien meines besoffenen Vaters; ich zitternd im Bett mit Klamotten an, bereit an der Regenrinne aus dem ersten Stock, wo mein Zimmer war, zu fliehen, falls er in der Tür auftauchte. Und sonst: Eisiges Schweigen, Stimmung so dick wie Erdöl und genauso schwarz….

Eines Nachts zog mein Vater meine Schwester aus dem Tiefschlaf aus dem Bett und verdrosch sie. Angeblich hätte sie ihre wertvolle »Schildkröt«-Puppe kaputt gemacht. Es war einer meiner Brüder, der vor Angst schlotterte und zusehen musste, wie sie bestraft wurde, er hatte selber Todesangst, stellte sich schlafend.

Ein Ereignis ist mir überdeutlich in Erinnerung:
Ich war so 8 oder 9 Jahre alt, mein Vater war besoffen und beschuldigte mich brüllend irgendeiner Sache und schrie, ob ich eine Tracht Prügel wollte. Wir standen in der Küche. Ich hatte meine eine Hand in der Besteck-Schublade und umklammerte das große spitze Fleischmesser. Ich dachte nur: »Ich wenn er auf mich zukommt, haue ich ihm das Messer in den Wanst, ich steche ihn ab, ich steche ihn ab, ich lass mich nicht schlagen …« Irgendwie bekam meine Mutter was mit, obwohl sie sonst nie was mitkriegte oder mitkriegen wollte und drängte meinen Vater aus der Küche. Sie sagt nichts.

Auch haben zwei meiner Brüder versucht, meinen Vater umzubringen, da waren sie so 14 und 15 Jahre alt, glaube ich. Sie spannten eine dünne Schnur in Fußhöhe über die Kellertreppe, über die mein Vater nachts immer heimkam, wenn er soff. Die Kellertreppe war schlecht beleuchtet, steil und aus Stein mit Kanten aus Eisen. Komischerweise hat auch das meine Mutter mitgekriegt und verhinderte den Anschlag und sagt nichts.

Im Winter wurden wir Kinder oft rausgeschickt, um zu sehen, dass der Vater nicht irgendwo besoffen im Schnee lag und erfrieren könnte. Einmal fand ich auf dem Schulweg eine Brille im Schnee. Ich fand das lustig und erzählte es meiner Mutter, als ich wieder von der Schule heimkam. Sie knallte mir eine und brüllte, warum ich sie nicht mitgebracht habe, es wäre die Brille meines Vaters gewesen, die er, besoffen wie er war, verloren hatte. Er war stark sehbehindert ohne sie. Sie schickte mich raus, danach zu suchen, war aber nicht mehr zu finden, böses böses Mädchen, ich.

Gastbeitrag von Kathie, Teil 2 folgt.

Ähnliche Einträge:

Kommentar-Feed für diesen Artikel

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen.