Jede Depression wird besser, sofern man sie überlebt †

Depression und betriebsbedingt gekündigt

Zurzeit haben wir in Deutschland ungefähr 3,6 Millionen arbeitslose Menschen.
Seit Ende Dezember 2009 gehöre auch ich in diese entehrende Statistik.

Nach 31 Jahren Arbeitsleben, incl. 3 Jahre Berufsausbildung, hatte ich bisher ein relativ gutes und geregeltes Einkommen. Tag für Tag habe ich mich 5 Tage in der Woche um 4.30 aus dem Bett gequält – Sommer wie Winter. Egal wie ich mich auch fühlte, ich ging zur Arbeit. Erst wenn ich auf dem Zahnfleisch kroch, meldete ich mich krank, was im letzten Jahr dazu führte, dass ich monatelang krank geschrieben wurde. Dazu aber später mehr..

Nie war ich arbeitslos, nie habe ich Leistungen vom Amt bezogen, was sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, dass ich schlicht und einfach Glück hatte all die Jahre in einem Unternehmen gearbeitet zu haben, dass mir bis zu diesem unseligen Banken und Finanzcrash einen sicheren Arbeitsplatz bescherte.

Oft stellen sich im Laufe vieler Jahre auch ein paar gesundheitliche Probleme ein, die verschiedene Auswirkungen haben können. So auch bei mir. Es war/ist so, dass ich durch die permanente Dauerbelastung meines rechten Armes einen Tennisarm bekam. Auch der Rücken ist kaputt. An manche körperliche Schmerzen kann man sich regelrecht „gewöhnen“. Ich weiß schon gar nicht mehr wie es ist, ganz ohne Rückenschmerzen zu sein.

Das Schlimmste ist, dass ich Depressionen bekam unter denen ich mal mehr, mal weniger zu leiden habe.

Ich habe mich nie großartig mit mir selber auseinander gesetzt und es war mir auch gar nicht klar, dass etwas nicht mit mir stimmt. Bis es vor einigen Jahren zum ersten Nervenzusammenbruch kam.

Ich konnte einfach nicht mehr. Ein Neurologe, den ich daraufhin aufsuchte hat mich erstmal darüber informiert, dass ich dringend eine längere Auszeit vom Berufsleben brauche.

Mein Kopf wehrte sich dagegen, denn ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich fertig war. Zusätzlich zur Krankschreibung bekam ich Medikamente damit ich wieder richtig schlafen konnte und noch einen Stimmungsaufheller für den Tag. Mir war zu dem Zeitpunkt alles Recht, denn ich wollte unbedingt wieder einsatzfähig sein.

Nach drei Monaten Auszeit hatte ich mich insoweit erholt, dass ich wieder Arbeiten ging, was auch eine zeit lang ganz gut klappte. Ich war soweit stabil und brauchte auch keine Schlaftabletten mehr.

Zwei Jahre später bekam ich erneut die nervöse Unruhe die mich nicht mehr schlafen ließ, Herzrasen, Heulkrämpfe usw. grundlos. Einfach so – dachte ich.

Nach und nach wurde mir klar, dass ich etwas unternehmen muss. Ich bin zu einem anderen Arzt gegangen.

Auch dieser Arzt diagnostizierte »Burn out« und Depressionen. Keine kleine depressive Verstimmung die jeder schon mal hat, sondern eine ausgewachsene Depression. Erst jetzt wurde mir ganz bewusst, dass ich herausfinden muss woher die Depression kommt und dass ich dies nicht allein herausfinden kann.

Ich konsultierte einen Psychologen. Dort lerne ich mit der Zeit auf meinen Körper zu hören, Signale ernst zu nehmen, mich selbst und meine vielfältigen Fähigkeiten zu erkennen. Ich bekam den Rat Dinge zu machen die mir gut tun und den Rat die Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein verdammt harter Weg, bis heute.

Das Härteste war, dass mir bewusst wurde, dass ich lange Jahre eine Arbeit verrichtet hatte die mich zutiefst unzufrieden und dann auch krank gemacht hat. Auf Grund der Finanzkrise kam in der Firma die Kurzarbeit, diese wurde zunächst für ein Jahr beantragt. Die permanente Unsicherheit wie es nun weiter geht, verstärkten auch meine Depressionen.

Ich habe Prämienarbeit gemacht. Das heißt, dass ich zu meinem normalen Stundenlohn, noch über den Stundenlohn hinaus Geld verdienen konnte wenn ich eine bestimmte Mehrarbeit leistete. Die Prämie schaffte ich aber schon lange vorher nicht mehr, mit Mühe und Not kam ich gerade noch so mit meinem normalen Arbeitspensum zurecht.

Die Depressionen wurden durch den seelischen Stress auch nicht besser, sie wurden schlimmer.

Als dann wieder nichts mehr ging, bin ich Anfang 2009 völlig fertig zum Arzt gegangen, der mich im Februar 2009 erneut krank schrieb, bis jetzt.

Da ich so lange nicht im Betrieb war, war ich auch nicht informiert wie es da nun von statten geht. Durch Zufall, auf dem Weg zum Arzt, traf ich eine Kollegin die mir erzählte, dass im Betrieb jetzt viele Entlassungen anstehen und dass nun alle um ihren Arbeitsplatz bangen. Sie sagte, sie wüsste es zwar nicht, aber es könnte schon sein, dass ich auch zu denen gehören würde die die Kündigung bekommen. Das hat mich dann erstmal wieder nieder geknüppelt, ein auf und ab der Gefühle. Mein Mann hat dann im Betrieb angerufen, ich war gar nicht fähig dazu. Er erzählte meinem Chef, dass ich eine Kollegin getroffen hätte und was sie gesagt hat.

Mein Chef meinte, dass ich bei der ersten Entlassungswelle dabei wäre. Ich wäre so oder so entlassen worden, betriebsbedingt. Wir konnten uns auf eine anständige Abfindung einigen, ohne Rechtsstreit. Diesen hätte ich sowieso nicht gepackt, wollte ich auch nicht.

Keine Ahnung wie es jetzt finanziell weiter geht. Noch bekomme ich Krankengeld.

Trotzdem merke ich, dass ganz viel innerlicher Druck von mir abgefallen ist, seit ich in »beiderseitigem Einverständnis« gekündigt bin. Ich bin weiterhin beim Psychologen und beim Nervenarzt in Behandlung und nehme immer noch Sertralin Tabletten.

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