Jede Depression wird besser, sofern man sie überlebt †

Michaela und ihre rezidivierende Depression

Steckbrief von Michaela


Alter: 36 Jahre
Familienstand: ledig, keine Kinder, keine Haustiere
Wohnort: RLP (Rheinland Pfalz)
Job: arbeitslos
Diagnosen: rezidivierende (wiederkehrende) Depression schwere Episode, Borderline, Zwangscharakter

Meine Kindheit, Jugend und Eltern


Wie Sigmund Freud so schön gesagt hat »Seine Majestät das Kind« erblickte ich 1971 unschuldig, rein, einzigartig, wunderbar vollkommen und neugierig das Licht der Welt. Doch leider kann ich über meine Kindheit nur das berichten was ich aus Erzählungen weiß, da ich keinerlei Erinnerung an meine ersten 12 Jahre habe. Es gibt Ärzte die mir auf den Kopf zu sagten, dass ich sexuell missbraucht wurde, andere behaupten, ich wurde emotional vernachlässigt.

Wie auch immer … , ich habe mich lange »zwanghaft« mit diesem Thema befasst und mir nächtelang den Kopf zerbrochen was denn nun wirklich passiert ist und bin zu dem Entschluss gekommen, einfach nicht mehr darüber zu grübeln. Ändern kann ich es eh nicht mehr. An mir persönlich habe ich festgestellt das ich jetzt viel mehr auf Kinder achte und wie ihre Eltern mit ihnen umgehen seit ich von meiner „Amnesie“ weiß und wohl eine verkorkste Kindheit hatte.

Meine Mutter hat sich von meinem alkoholsüchtigen & gewalttätigen Vater getrennt als ich 6 Jahre war und einige Zeit später wieder geheiratet. Insgesamt bin ich während meiner Kindheit & Pubertät so ca. 10 -12 mal umgezogen …, ist natürlich nicht sehr fördernd für das »Sozialverhalten« und ich habe wohl schon im Kindergarten böse Mädchen und Jungen verhauen. Meine Mutter meint immer das ich schwierig gewesen bin und ich habe ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihr und auch sonst bin ich ein sehr ambivalentes Wesen.

Mein Bruder


Ich hatte einen Bruder, der 2 Jahre älter war. Er ist im Mai 2000 mit seinem Motorrad tödlich verunglückt. Wir hatten keine enge Beziehung zueinander jedenfalls nicht so wie ich es mir immer gewünscht habe …, bis kurz vor seinem Tod. Da sind wir zusammen auf Partys & ins Kino gegangen und ich konnte mit ihm über alles reden und dann ist er auf einmal nicht mehr da! Ich habe nicht wirklich getrauert sondern mein lang erlerntes »Schema« angewendet, »flenn hier nicht rum« »stell dich nicht so an«! Ich war einfach nur wütend. Als Teenager habe ich unzählige wertvolle Gegenstände zertrümmert, zerbrochen oder gegen die Wand geschmissen.
Im Laufe der Zeit habe ich gelernt das einigermaßen zu kontrollieren, ist ja auch nicht billig, immer neu zu kaufen. Ich habe auch immer geglaubt, dass meine Mutter mich nicht lieb hat bzw. meinen Bruder mehr liebt als mich. Und noch heute falle ich in die tiefsten Abgründe und werde tollwütig wenn Sie nur 5 Minuten zu spät kommt.

Meine Heirat war ein Reinfall


Im Berufsleben hatte ich durch meine unkontrollierten Wutausbrüche auch immer Probleme. Meine Lehre habe ich zu Ende gemacht und bin danach für 1 Jahr in die USA, mit einem Soldaten, den ich heiraten wollte. Nachdem er mir dann eine Schrotflinte an den Kopf gehalten hat, bin ich ruck zuck in den nächsten Flieger geflüchtet und war wieder zurück im Good Old Germany. Ich konnte mit 19 wieder zu Hause einziehen und habe auch direkt Arbeit gefunden. Meine Mutter hat sich kurz darauf von meinem Stiefvater nach 13 Jahren getrennt und wir sind WIEDER umgezogen, aber diesmal nur ins Nachbardorf.

Auf meiner Arbeit gab es nur Schwierigkeiten


Ich war nie arbeitslos aber wechselte 8 mal die Stelle innerhalb von 5 Jahren. Bis ich 1996 nach einer kurzen Ausbildung bei einem großen Verkehrsunternehmen den richtigen Job gefunden habe. Ich war zwar immer noch irgendwie im Kundenservice tätig, aber für mich alleine. Ohne Chef im Nacken oder hinterhältige Kollegen. Ich hatte die Kontrolle über meine Arbeit und musste mir nichts vorschreiben lassen.

Mein Zusammenbruch


Jeder Mensch hat Grenzen und ich habe meine 2006 kennen gelernt. Bis dahin habe ich mich ja immer gut durchgemogelt und mir nie über mich oder mein Leben Gedanken gemacht. Ich war zwar wieder hoch verschuldet, aber wenigsten weg von den Drogen & Alkohol. Meine Männergeschichten waren abgehakt und ich hatte auch keine Lust mehr auf eine neues Beziehungsdrama. Auf der Arbeit hagelte es Veränderungen und meine Struktur fiel auseinander. Da ich ledig und kinderlos bin, stand mein Name an erster Stelle auf einem Sozialplan. Nach 10 Jahren treuer und aufopfernder Arbeit wollte mich mein Arbeitgeber loswerden. Aber nicht nur mich, sondern auch andere. Jeder war schlechter Laune und hatte Angst um seinen Job.

Ich nicht, mir war wie immer alles egal (scheinbar) und ich habe einen auf »Cool« gemacht, bis zum Tag X. Da stand ich kurz davor einem Fahrgast das Esszimmer in seinem Gesicht zu bearbeiten und dachte »Ich kann nicht mehr«!

Nach 3 Monaten Krankheit habe ich im Dezember 2006 (dummerweise) einen Aufhebungsvertrag unterschrieben eine hohe Abfindung bekommen, da ist natürlich nichts mehr von übrig und bin aufs Land gezogen. Ich konnte und kann keine Menschen mehr um mich ertragen.

Mein erster stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie


Mein erster stationärer Aufenthalt dauerte 1 Tag und ich flüchtete mit den Gedanken »alles scheiße hier«, »brauch ich nicht«, »ihr seid alle bekloppt«. Mein zweiter Aufenthalt dauerte 5 Wochen, wobei ich die ersten 3 davon jeglichen Kontakt mit Mitpatienten meidete. Ich war bockig und verschlossen. Es wurde dann etwas besser und dachte ich bin geheilt. Zwei Monate später war ich wieder in der Klinik diesmal für 8 Wochen und ich habe in der Zeit angefangen, über mich nachzudenken und habe sehr viel an mir gearbeitet.

Durch die Einzel und Gruppentherapie habe ich sehr viel gelernt und das hinter meinem abweisenden und aggressiven Verhalten eigentlich eine große Angst steht. Die Angst vor emotionaler Nähe und dem Verlassen werden! Im Rückblick auf meine Vergangenheit erscheint mir das auch logisch, es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich diese Angst nicht spüre oder wahrnehme. Meine Verdrängungsstrategie ist dermaßen ausgeprägt, dass ich außer Wut nichts empfinden kann. Keine Trauer, kein Mitgefühl, keine Freude und wahrscheinlich war das schon immer so. Mir wurde auch bewusst, was ich alles vergessen habe zu den ersten 12 Jahren. Ich weiß zum Beispiel nicht mehr, wann und mit wem ich mein »erstes Mal« vollbracht habe. Es stehen 3 Typen zur Auswahl. Diese Angst scheint mir momentan wohl auch sämtliche Motivation zu nehmen aktiv zu werden. Ich bin nicht in der Lage mein Berufs und Gesellschaftsleben neu zu gestalten und verbringe 98% meiner Zeit alleine in der Wohnung.

Meine derzeitige Struktur besteht aus Computer, Fernseher


und putzen putzen putzen. Das innere Chaos äußerlich ordnen. Die Suizidalität hat nachgelassen, weil mir klar geworden ist, dass dies im Grunde nur ein Schrei nach Veränderung beinhaltet. Aber diese Stimmungsschwankungen machen mir doch schwer zu schaffen. Wenn es mir einigermaßen gut geht, hoffe ich, jetzt wird alles besser, aber falle dann wieder in ein Loch. Im Durchschnitt bin ich 5 Tage schlecht und 2 Tage gut drauf, so dass ich auch mal in die Stadt fahre oder mich mit Freunden treffe. Ich leide unter zwanghaftem Zweifeln und konnte noch nie gut Entscheidungen treffen. Und wenn ich Sie dann getroffen habe war ich immer unsicher ob es die richtige war. Zur Zeit kann ich mich nicht mal mehr entscheiden ob ich jetzt aufs Klo geh oder nicht, trinke ich was oder nicht? Ich habe mittlerweile 4 verschieden Medikamente ausprobiert aber nichts scheint wirklich zu helfen.

Ich habe durch die Medis und der mangelnden Bewegung 10 Kilo zugenommen was absolut fördernd für mein angeknackstes
Selbstwertgefühl ist. Seit dem Tod von meinem Bruder habe ich keine Nacht mehr durch geschlafen und bin bei 2 -3 Stunden täglich angelangt.

Wenn ich was erzähle verliere ich zigmal den Faden und stottere irgendwas vor mich hin. Manchmal denke ich auch an meine Nachbarin unter mir, ob die das mitbekommt, wenn ich so durch meine Wohnung schlurfe und kaum die Füße vom Boden hoch bekomme?? Ich wohne schon ein Jahr hier und weiß noch nicht mal wie sie heißt. Es ist mir egal. Es ist mir egal, was die Leute denken wenn ich im Jogginganzug und mit Mütze tief im Gesicht in den Edeka gehe, lass sie doch glotzen, die Affen, sind eh all bekloppt, die können mich mal. Eigentlich bin ich immer noch so drauf, wie bei bei meinem ersten stationären Versuch, nur mit dem Unterschied, dass ich jetzt weiß wie schei***, das ist.

Ich habe mich intensiv mit dem Thema Psychologie Depression und Borderline auseinandergesetzt und finde es daher sehr belastend, dass ich nun über das Wissen verfüge, aber trotzdem an meinem Verhalten & Denken nichts ändern kann. Dennoch bin ich für meine Depression irgendwie dankbar, weil ich dadurch die Erfahrung einer Psychotherapie gemacht habe und mir Wege gezeigt werden ein besseres Leben zu führen als bisher.

Ich hoffe das ich mir irgendwann Ziele setzen kann und erkenne was ich will und wer ich eigentlich bin.

And remember…..the hope dies finally

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— Paul, 02.02.2008@03:13 # 1 -
Hallo, ich finde deine geschichte sehr interessant.
Du befindest dich in einem Stadium, wo du weisst was mit dir los ist.
Ich finde du solltest aktiv nach einem Job suchen, Tabletten absetzen und mehr nach draussen gehen, aktiv werden. Geh in einen Sportclub oder such dir eine Freizeitbeschäftigung. Du weisst selber das die ewige Einsamkeit nicht gut ist.
Falls du fragen hast kannst du dich gern melden.

Viele Grüße

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